Reichsjudenfett: Roman einer verirrten Generation

Reichsjudenfett nannten wir eine Seife, in welche man die Buchstaben RIF eingeprägt hatte. Schaum ließ sich ihr kaum entlocken, es war ein Kriegs-Ersatz-Produkt von minderwertiger Qualität. 'Man sollte die Bande besser füttern ehe man sie verkocht!' röhrte mein Freund Helmut. Alle lachten.

 

Unser Chemielehrer hielt das für machbar, sah aber keinen ökonomischen Sinn darin. Unser Religionslehrer verbat sich derartige Fragen und Imogen Noel, eine regimekritische Freundin meiner Eltern meinte, das sei natürlich Unsinn, aber allein dass es dieses Wort gab, wäre doch entsetzlich genug.

 

Ich hätte vermutlich auch gelacht, es blieb mir aber im Hals stecken, seit ich wusste, dass meine beste Freundin, die Cala, einen jüdischen Vater hatte. Erst wollte ich es nicht glauben, es war aber so und als ich mir vornahm, sie selbst zu fragen, war sie plötzlich nicht mehr da. Sie wäre in Sicherheit, sagte mir ihre Mutter, wieso und wo, das erfuhr ich nicht.

 

Wir schrieben das Jahr 1943, hatten gerade Stalingrad hinter uns. Mit 15 Jahren wurde ich mit der ganzen Klasse 6b Luftwaffenhelfer. Vor dem Schießen hatte ich eigentlich keine Angst, das regulierte Leben aber, die Unfreiheit, der unbedingte Gehorsam, das Leben in einer engen Gemeinschaft, das damit verbunden war, das hatte ich noch nie gemocht. Man ließ uns zwar nicht viel Zeit zum Nachdenken, vormittags kam die Schule zu uns, am Nachmittag wurde exerziert und 'ausgebildet' und nachts kamen immer öfter die feindlichen Flieger und wenn diese ausblieben, raubte mir die Sorge um Cala den Schlaf. Wo um Himmelswillen hatte man sie hingebracht? 'Pass auf dich auf' hatte sie beim letzten Mal zu mir gesagt - und wer passte jetzt auf sie auf?

 

Dazwischen gab es natürlich auch Ausgang, ich traf mich mit der Inge, begegnete auch der Anneliese, die mich - wohl zum Spaß - zum Mann gemacht hat und schließlich die Elisabeth, die mir den Kopf so verdrehte, dass ich zeitweilig sogar die Cala vergaß.

 

Es blieb mir keine Wahl, nur überleben wollte ich, egal wie, obwohl es eigentlich gar keine lebenswerte Zukunft gab. Denn, sollten wir den Krieg gewinnen, würden wir als Soldaten von Gibraltar bis Wladiwostock Wache schieben und auf den einzigen Ausweg, den Heldentod, wollte ich doch lieber verzichten. Zum Glück sah es nicht nach einem Sieg aus, aber was uns stattdessen erwarteten würde, war vielleicht auch nicht viel besser.

 

Ich kam zum Reichsarbeitsdienst und auch noch eine kurze Zeit zum Barras, wo mir bei einem Luftangriff die Kaserne über dem Kopf abbrannte. Beim Löschen brach eine alte Fußverletzung wieder auf, was mir wahrscheinlich das Leben gerettet hat, denn ich wurde 'zurückgestellt'. In den allerletzten Kriegstagen wäre ich aber beinahe doch noch ins Schlamassel geraten und da habe ich völlig unerwartet die Cala wieder getroffen. Sie lebte, sah gut aus wie eh und je, wir liebten uns noch oder wieder, aber ein Paar sind wir trotzdem nicht geworden, obwohl es jetzt keine rassistischen Hindernisse mehr gegeben hätte. Man kann eben nie alles haben.

 

REICHSJUDENFETT ist im CB Verlag München erschienen

1. Auflage Oktober 2015

 

Das Buch hat 433 Seiten

Es kostet in Deutschland und Österreich Euro 19,50

in der Schweiz SFR 23,60

 

ISBN 978-3-00-050395-5 - Printed in Germany

Coverfoto: Röckl Handschuhe & Accessoires GmbH München